Moderne, industrielle Tierhaltung

von Mitarbeiterin Sinah

English version below

Der Milchkarton wirkt so unschuldig – Hintergrundinfos

 

Wir müssen gerade gar nicht weit ausholen, um traurig und wütend stimmende Meldungen aus der Tierindustrie zu finden. In den vergangenen Tagen ist massenhaft Covid-19 bei SchlachthofmitarbeiterInnen von Schweinebaron Tönnies – übrigens großzügiger Spender für die tierschutzrückständige CDU, www.lobbypedia.de – und jetzt auch bei Geflügelschlachter Wiesenhof ausgebrochen. Dicht an dicht stehen die meist osteuropäischen, über Subunternehmen eingestellten Menschen dort und arbeiten im Akkord unter knallharten Bedingungen. Berichte über miserable Zustände in der Fleischindustrie gab es bereits vor einiger Zeit – jetzt finden wir sie durch Corona wieder in den Medien. Vielleicht glücklicherweise? Nur durch Öffentlichkeit kann sich etwas ändern. https://www.sueddeutsche.de/politik/schlachthoefe-coronavirus-fleischindustrie-1.4902646

Das Deutsche Tierschutzbüro hat erst jüngst wieder einmal einen “Einzelfall” von systematischer Tierquälerei in einem norddeutschen Milchviehbetrieb veröffentlicht. https://www.tierschutzbuero.de/kuhleid/ Man muss überhaupt nicht über die Landesgrenze schauen, um reihenweise Skandale in diversen Bereichen zu finden: Fehlbetäubte Tiere in konventionellen und Bioschlachthöfen, verwahrloste oder gar verwesende Milchkühe und Schweine, Tiere die bei regelmäßigen Stallbränden sterben, Gewalt, verunfallte Tiertransporter oder solche ohne Wasser bei brüllender Hitze im Stau, Lebensmittelskandale wie undeklariertes Pferdefleisch in Lasagne oder das Coronavirus, das für den Menschen erst durch den Verzehr von Tieren zur Gefahr wurde.

Alles legal

Die Liste ist endlos und nahezu täglich kommen kleinere und größere Schlagzeilen hinzu. Das allerdings ist nur ein Bruchteil dessen, was sich tatsächlich in der Tierindustrie abspielt. Die meisten Tier- und Menschenrechtsverletzungen geschehen im Verborgenen oder sind gar völlig legal. Ersteres wird durch die Behörden enorm vereinfacht: in Bayern erfahren tierhaltende Betriebe durchschnittlich nur alle 48,1 Jahre eine Kontrollehttps://www.landwirtschaft.de/diskussion-und-dialog/tierhaltung/wie-oft-werden-tierhaltende-betriebe-kontrolliert, und wenn doch kontrolliert wird, dann scheuen die AmtsveterinärInnen gern den bürokratischen Aufwand einer Beanstandung. Besonders deutlich wird das in den Schlachthöfen mit aufgedeckten Misständen, welche gesetzlich vorgeschriebene VeterinärInnen beschäftigten, die offensichtlich jedoch nicht eingriffen. 

Bestürzender ist noch, dass Deutschland als vermeintlich im Tierschutz fortschrittliches Land eine üble Liste an Haltungsformen und Verstümmelungen sogenannter Nutztiere erlaubt. Man überlege sich, wie groß der Aufschrei wäre, würden diese Praktiken an Haustieren durchgeführt: Ganzjährige Anbindehaltung von Kühen oder Kastenstände für Zuchtsauen, welche sich beide fast ihr Leben lang nicht umdrehen können. Harte Betonspaltenböden, die zu schmerzhaften Abszessen führen. Bestialischer Ammoniakgestank. Hühner können durch überzüchtetes Brustfleisch oft nicht mehr aufstehen und trinken. Künstliche Besamung der weiblichen Tiere, die besonders bei Zuchtputen äußerst grob durchgeführt wird und häufig zu Verletzungen führt, und bei Kühen wird durch jährliche Besamung die Milchproduktion über die riesigen Euter möglichst hoch gehalten. Geborene Jungtiere werden trotz Trennungsschmerz bald von der Mutter entfernt und dem System angepasst. Ausbrennen der Hörner, Abschneiden von Schwänzen, Zähnen und Schnabelspitzen und Kastrationen – alles ohne Betäubung. Fotograf Timo Stammberger hat die typischen Instrumente dafür in einem Projekt ohne Blut festgehalten: https://www.fluter.de/mit-diesen-werkzeugen-arbeitet-tierzucht-massentierhaltung Werkzeuge, die man in jedem Landwirtschaftsbedarf findet. Männliche Küken von Eierlegerassen schreddert oder vergast man, männliche Kälber schlachtet man für Kalbfleisch. Und wenn sie zu kümmerlich sind oder nicht genug Geld bringen, werden sie vor Ort bisweilen totgeprügelt. Wenngleich letzteres wieder illegal ist, so ist es doch nicht unüblich, wie Tierrechtsorganisationen immer wieder dokumentieren. 

Deutschland veröffentlicht tatsächlich sogar offizielle Zahlen zur Fehlbetäubungsrate beim Schlachtvorgang: Bei Schweinen sind es bis zu 12,5% http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/100/1710021.pdf registriertermaßen unzureichend betäubte Tiere, die folglich während des Ausblutens oder gar beim Zerlegen wieder aufwachen. Nicht, dass eine funktionierende Betäubung angenehmer wäre. Bei Rindern muss die Bolzenschusspistole häufig mehrmals abgedrückt werden, bis sie wirkt, und Schweine fahren in CO2-Kammern, in welchen sie durch das ätzende Gas sekundenlang Panik durch Schleimhautbrennen und Erstickungsgefühle haben. Hühner und Puten werden an den Füßen kopfüber aufgehängt und durch Elektrowasserbäder gezogen – manche schaffen es, verzweifelt den Kopf zu heben und bleiben so bei Bewusstsein. Fische hingegen erfahren meist überhaupt keine Betäubung, obwohl ihnen mittlerweile ein ausgeprägtes Schmerzempfinden zugeschrieben wird. In den riesigen Fangnetzen erdrücken sie sich beim Einholen gegenseitig, durch die Druckveränderung quellen die Augen heraus und Schwimmblasen platzen. An Deck lagert man die lebenden Fische gern direkt auf Eis, wo sie unter Schmerzen ersticken, nimmt sie lebendig bei Bewusstsein aus oder zieht Thunfische an Haken aus dem Wasser und ersticht sie.
Die Liste ist lang und sie könnte problemlos doppelt so lang werden. Eins wird klar: die Herstellung tierischer Produkte für menschlichen Genuss degradiert Tiere zu Waren, unabhängig davon ob konventioneller Großbetrieb, kleinbäuerlicher Familienbetrieb oder Biohaltung. Die Unterschiede sind marginal, die Praktiken ähnlich und die Kontrollen selten, der Preisdruck alltagsbestimmend. Ums Geld geht es entlang der ganzen Produktionskette, sodass auch Menschen darunter leiden. Familien in Südamerika werden vertrieben und erkranken durch die eingesetzten Pestizide, weil die Menschen hinter den riesigen Futtersojaplantagen große Macht und wenig Skrupel haben. Insbesondere Menschen außerhalb der Industrienationen kämpfen zudem mit den zunehmenden Umweltkatastrophen, die durch die Tierindustrie wie an Tag 1 dargestellt mit befeuert werden. Letztlich sind Tierrechte auch Menschenrechte, denn wie Mahatma Gandhi gesagt haben soll: “Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran erkennen, wie sie ihre Tiere behandelt.” Wer echte Empathie empfinden kann für die Schwächsten und Unähnlichsten, der wird auch bei den Ähnlichen, also den Mitmenschen, eher dazu in der Lage sein.

Jeder Einkauf ein Stimmzettel

Durch Globalisierung und Fortschritt sind wir in einer tollen Position: wir haben die Wahl, ob wir all das unterstützen möchten. Es gibt eigentlich keinen rationalen Grund dafür, weshalb wir hochintelligente Schweine essen, das bei Hunden aber abartig finden. Von klein auf wurde uns nur beigebracht, dass sogenannte Nutztiere eine gesichtslose, individuenfreie Masse sind, wohingegen wir unseren Haustieren echte Persönlichkeiten zuschreiben. Die Wissenschaft lässt keine rationale Unterscheidung zu, und wir sollten die anerzogene Notwendigkeit, Natürlichkeit und Normalität tierischer Produkte zum Wohle aller leidensfähigen Lebewesen hinterfragen. Entscheide dich für Mitgefühl und gegen Ausbeutung. Es gibt heutzutage zahllose gesunde und leckere Alternativen, die schon aus überzeugten FleischesserInnen und Kochmuffeln ebenso überzeugte VeganerInnen gemacht haben. Probier unsere Startertipps von Tag 2 doch heute noch aus. Und wenn du nun aktiv etwas für Mensch und Tier tun möchtest oder ein bisschen Handwerkszeug für deine ersten Diskussionen brauchst, dann schau in den nächsten Artikel rein 🙂

Ein lebenswertes Leben

Bilder aus der Tierindustrie sind oft grausam, auf den ersten oder zumindest den zweiten Blick, wenn man die vermeintliche Idylle einer Milchkuhherde auf der Weide zu hinterfragen lernt. Deshalb wollen wir mit was Schönem abschließen. Sogenannte Lebenshöfe haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Individualität und den Lebenswillen von Nutztieren zu zeigen, indem sie ihnen ein Leben um des Lebens Willen ermöglichen – sie müssen keinerlei Nutzen mehr erbringen. Eine solche Persönlichkeit ist Rosa Mariechen, die auf Hof Butenland in Norddeutschland lebt. Eine willensstarke Schweinedame, die als Ferkel aus einer Mastanlage gerettet wurde, in der sie bereits halb tot und von Ratten angefressen in der Ecke lag. Inzwischen erfreut sie sich einfach nur des Lebens. Schonmal ein Schwein unter Wasser blubbern sehen?

https://www.youtube.com/watch?v=8ssipBjnxIs

Die Stiftung Hof Butenland wurde von einem ehemaligen Milchbauern und seiner Partnerin gegründet. Jan Gerdes wollte es irgendwann nicht mehr verantworten, dass seine Kühe nach ihrer Nutzungszeit zum Schlachter geschickt werden müssen und mochte das System nicht mehr unterstützen. Die Geschichte der beiden zeigt der Dokumentarfilm Butenland.

Wenn du vertiefen möchtest, was wir hier nur kurz anreißen konnten, empfehlen wir folgende Seiten und Quellen:

Sauber recherchierte Fakten zur Tierindustrie von der Albert Schweitzer Stiftung: https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung

Wann bekommt man schon die Chance, Puten besser kennenzulernen? Liebenswerte Vögel! https://www.youtube.com/watch?v=yAq5Sj_b3YI

Eine Auswahl an Lebenshöfen:

Hof Butenland: www.stiftung-fuer-tierschutz.de

Land der Tiere: www.land-der-tiere.de

Gut Weidensee: https://www.gut-weidensee.org/

Hagel Hof: https://www.hagelhof.de/

Erdlingshof: www.erdlingshof.de

Modern, industrial animal husbandry

by Coworker Sinah

The milk carton looks so innocent – background information

 

We don’t have to go far to find sad and angry news from the animal industry. In the past few days, masses of Covid-19 have broken out among slaughterhouse employees of pig baron Tönnies – by the way a generous donor for the CDU, which is backward in terms of animal welfare – and now also among poultry slaughterers at Wiesenhof (cf. www.lobbypedia.de). The people there, most of whom are from Eastern Europe and are employed by subcontractors, are standing close together and working in piecework under tough conditions. There were already reports of miserable conditions in the meat industry some time ago – now, thanks to Corona, we find them again in the media. Perhaps fortunately? Only through publicity can something change (cf. https://www.sueddeutsche.de/politik/schlachthoefe-coronavirus-fleischindustrie-1.4902646)


Only recently the German Animal Welfare Office has once again published an „isolated case“ of systematic cruelty to animals on a North German dairy farm (cf.  https://www.tierschutzbuero.de/kuhleid/). You don’t have to look across the state border to find a series of scandals in various areas: Mis-stunned animals in conventional and organic slaughterhouses, neglected or even decaying dairy cows and pigs, animals that die in regular stable fires, violence, animal transporters involved in accidents or those without water in a traffic jam with roaring heat, food scandals such as undeclared horse meat in lasagne or the coronavirus, which only became a danger to humans through the consumption of animals.

All legal

The list is endless and almost daily smaller and larger headlines are added. This, however, is only a fraction of what actually happens in the animal industry. Most animal and human rights violations are hidden or even completely legal. The former is enormously simplified by the authorities: in Bavaria, livestock farms are inspected on average only every 48 years, and when inspections are carried out, the official veterinarians are happy to shy away from the bureaucratic burden of a complaint (cf. https://www.landwirtschaft.de/diskussion-und-dialog/tierhaltung/wie-oft-werden-tierhaltende-betriebe-kontrolliert). This becomes particularly clear in the slaughterhouses with uncovered irregularities, which employed legally required veterinarians, who obviously did not intervene.

Even more disturbing is the fact that Germany, as a supposedly progressive country in animal protection, allows an evil list of keeping and mutilation of so-called farm animals. Think how big the outcry would be if these practices were carried out on pets: Year-round tethering of cows or box stalls for breeding sows, both of which cannot turn around for almost their entire lives. Hard concrete slatted floors, which lead to painful abscesses. Bestial ammonia stench. Chickens are often unable to get up and drink due to over-bred breast meat. Artificial insemination of the female animals, which is carried out very roughly, especially in the case of breeding turkeys, and often leads to injuries. In the case of cows, annual insemination keeps milk production as high as possible via the huge udders. Born young are soon removed from the mother and adapted to the system despite pain of separation. Burning out the horns, cutting off tails, teeth and beak tips and castration – all without anaesthetic. Photographer Timo Stammberger has captured the typical instruments for this in a project without blood: https://www.fluter.de/mit-diesen-werkzeugen-arbeitet-tierzucht-massentierhaltung Tools that can be found in every agricultural need. Male chicks from egg laying breeds are shredded or gasified, male calves are slaughtered for veal. And if they are too puny or do not bring in enough money, they are sometimes beaten to death on the spot. Although the latter is illegal again, it is not unusual, as animal rights organisations document time and again.

In fact, Germany even publishes official figures on the false stunning rate during the slaughtering process: Up to 12.5% of pigs are not sufficiently stunned (cf. http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/100/1710021.pdf), so they consequently wake up during bleeding out or even during cutting, not that a proper stunning would be more comfortable. In cattle, the bolt gun often has to be squeezed several times before it takes effect, and pigs travel in CO2 chambers where the corrosive gas causes them to panic for seconds, causing them to burn their mucous membranes and feel suffocated. Chickens and turkeys are hung upside down by their feet and dragged through electric water baths – some manage to lift their heads in desperation and thus remain conscious. Fish, on the other hand, usually do not experience anaesthesia at all, although they are now attributed a pronounced sense of pain. They squeeze each other in the huge fishing nets as they reel them in, the change in pressure causes the eyes to swell out and swim bubbles to burst. On deck, the living fish are often stored directly on ice, where they suffocate in pain; gutted alive while conscious or tuna are pulled out of the water on hooks and stabbed.

The list is long and it could easily be twice as long. One thing is clear: the production of animal products for human consumption degrades animals to commodities, regardless of whether they are produced on a large conventional farm, a small family farm or organic farming. The differences are marginal, the practices similar and the controls rare, the price pressure determining everyday life. Money is at stake along the entire production chain, so people also suffer. Families in South America are displaced and fall ill due to the pesticides used, because the people behind the huge fodder soy plantations have great power and few scruples. Especially people outside of the industrial nations are also struggling with the increasing environmental disasters, which are fired by the animal industry as shown on day 1. Ultimately, animal rights are also human rights, because as Mahatma Gandhi is said to have said: „The greatness and moral progress of a nation can be seen in the way it treats its animals. If you can feel true empathy for the weakest and most dissimilar, you will be more likely to feel empathy for your peers.

Each purchase a ballot

Through globalisation and progress we are in a great position: we have the choice to support all this. There is actually no rational reason why we eat highly intelligent pigs, but find it perverse in dogs. From a very young age we were only taught that so-called farm animals are a faceless, individual-free mass, whereas we attribute real personalities to our pets. Science allows no rational distinction, and we should question the educated necessity, naturalness and normality of animal products for the benefit of all living beings capable of suffering. Decide for compassion and against exploitation. There are countless healthy and tasty alternatives available today, which have already turned convinced meat eaters and cooking grouches into equally convinced vegans. Try out our starter tips from day 2 today. And if you want to take action for humans and animals or need some tools for your first discussions, then take a look at the next article 🙂

A life worth living

Images from the animal industry are often cruel, at first or at least at second glance, when one learns to question the supposed idyll of a dairy herd in the pasture. Therefore we want to finish with something beautiful. So-called Lebenshöfe have made it their business to show the individuality and will to live of farm animals by enabling them to live for the sake of life – they no longer have to provide any benefit whatsoever. One such personality is Rosa Mariechen, who lives on Hof Butenland in Northern Germany. A strong-willed lady pig, who was rescued as a piglet from a fattening unit where she was already lying in the corner, half dead and eaten by rats. In the meantime she simply enjoys life. Ever seen a pig bubbling under water?

https://www.youtube.com/watch?v=8ssipBjnxIs

The foundation Hof Butenland was founded by a former dairy farmer and his partner. At some point Jan Gerdes no longer wanted to be responsible for the fact that his cows had to be sent to the slaughterhouse after their period of use and no longer wanted to support the system. The documentary film Butenland shows the story of the two.

If you want to go into more detail, which we could only touch on briefly here, we recommend the following pages and sources:

Well researched facts about animal husbandry from the Albert Schweitzer Stiftung: https://albert-schweitzer-stiftung.de/massentierhaltung

When do you get the chance to get to know turkeys better? Lovely birds! https://www.youtube.com/watch?v=yAq5Sj_b3YI

A selection of shelter farms:

Hof Butenland: www.stiftung-fuer-tierschutz.de

Land der Tiere: www.land-der-tiere.de

Gut Weidensee: https://www.gut-weidensee.org/

Hagel Hof: https://www.hagelhof.de/

Erdlingshof: www.erdlingshof.de

Translated with the help of DeepL